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„Die deutsche Sprache ist der Schlüssel und öffnet viele Türen“

Izdehar Mustafa ist ein „Best Practice“-Beispiel für die Arbeitsmarktintegration geflüchteter Frauen im Oldenburger Münsterland

Izdehar Mustafa kam im Sommer 2015 als Flüchtling aus Syrien nach Lohne. Mit der Unterstützung von Gaby Middelbeck, die bei der Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft im Oldenburger Münsterland das Projekt „Geflüchtete Frauen“ betreut, ist sie heute als Dolmetscherin und Tagesmutter tätig, leitet Nähkurse und engagiert sich ehrenamtlich.

Izdehar Mustafa erzählt ihre Geschichte in einem erstaunlich guten Deutsch. In ihrer Heimatstadt Aleppo in Syrien habe sie als Englischlehrerin gearbeitet. Diese Sprachkenntnisse hätten ihr geholfen, die deutsche Sprache zu erlernen, da sie so bereits mit dem lateinischen Alphabet vertraut war.  Schon bald nach ihrer Ankunft in Deutschland im Juli 2015 nahmen Izdehar Mustafa und ihr Mann Rostom an Deutschkursen und Maßnahmen zur Arbeitsmarktintegration teil. „Meine erste Deutschlehrerin war Ala Luft von der Kreisvolkshochschule, eine tolle Lehrerin“, erzählt Izdehar Mustafa. Doch auch unermüdlicher Fleiß und Ehrgeiz gehörten dazu. Davon zeugen die Merkzettel mit deutschen Vokabeln, die in ihrer Küche an Schränken und Wänden hängen. „Unterschätzen“, „investieren“, „prognostizieren“ sind nur einige der Wörter, die dort zu lesen sind. „Ich lerne im Moment für die Sprachprüfung C1“, erklärt Izdehar Mustafa, das sei schon eine Herausforderung. „Mein Mann und ich haben jeden Abend, wenn die Kinder im Bett waren, gelernt. Manchmal nachts bis 2.00 oder 3.00 Uhr“, erzählt die 46-Jährige. Die deutsche Sprache sei der Schlüssel zur Integration und öffne viele Türen, weiß sie aus eigener Erfahrung. Ebenso sei es wichtig, offen zu sein und den Kontakt zu den einheimischen Menschen zu suchen.
Izdehar Mustafa hatte sich lange gewehrt, trotz des Krieges ihre Heimat Syrien zu verlassen. Doch im Februar 2015 erreichten die Kämpfe ihre Straße. Aleppo war Ziel ständiger Bombenangriffe. Es gab keinen Strom. Schutz suchte die Familie im Keller. Als ihr ältester Sohn sagte: „Mama, willst Du in Syrien bleiben und sterben?“, fiel die Entscheidung zu fliehen. Es begann eine zwei Monate dauernde Odyssee, die Izdehar Mustafa, ihren Mann Rostom sowie die drei Jungen, damals im Alter von 11, 9 und 8 Jahren über die Türkei und Griechenland schließlich bis nach Deutschland brachte. Sie wurden von Schleppern in Lieferwagen gepfercht und überwanden in vollbesetzten Schlauchbooten das Meer, sie schliefen auf der Straße, in Wäldern und auf Bahnhöfen, immer mit der Angst, überfallen zu werden. „Ich habe oft gedacht, wir werden sterben, aber dann sterben wir jedenfalls alle zusammen“, erinnert sich Izdehar Mustafa. Noch heute plagen sie Albträume ebenso wie die Sorge um ihren Vater und ihre Familienmitglieder, die noch immer in Aleppo ausharren.
Zuerst kam die Familie Mustafa in einer Flüchtlingsunterkunft in Bramsche an. Einen Monat später bezogen sie ihr neues Zuhause in Lohne. „Wir haben sehr viel Unterstützung von der Stadt Lohne, dem Jugendtreff und den Menschen hier bekommen. Die Nachbarn brachten Kleidung, Spielzeug und einen Fernseher“, berichtet Izdehar Mustafa. Beim Frauenfrühstück, das regelmäßig von  der Stadt Lohne und dem Ludgerus-Werk organisiert wird, lernte sie Gaby Middelbeck kennen. Sie ist seit 2017 die Ansprechpartnerin für den Sonderschwerpunkt „Geflüchtete Frauen“ bei der Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft im Oldenburger Münsterland. Gaby Middelbeck informiert weibliche Geflüchtete über die regionalen Strukturen, vermittelt sie in Deutschkurse und berät sie bei Fragen zur Aufnahme einer Berufstätigkeit. „Gerade für weibliche Flüchtlinge ist es aufgrund ihrer familiären Situation häufig nicht möglich, Sprachkurse zu besuchen oder einen Beruf auszuüben“, erzählt Gaby Middelbeck. Da sei aktive Hilfe und Beratung erforderlich.
Auch Izdehar Mustafa hat so ihren beruflichen Weg gefunden. Sie konnte zwar nicht wieder als Englischlehrerin arbeiten, weil dazu ein Studium in Deutschland erforderlich gewesen wäre, aber sie machte eine Weiterbildung zur Dolmetscherin und hat im Januar die Tagesmutter-Ausbildung abgeschlossen. Zurzeit betreut sie zwei Kinder am Vormittag. Außerdem leitet sie einen Nähkurs und engagiert sich ehrenamtlich bei der Lohner Tafel. Auch bei einem Sprachcamp für Kinder mit Migrationshintergrund und einem Medienkompetenztraining für geflüchtete Frauen war sie schon als Übersetzerin im Einsatz. Ihr Mann ist, nachdem er den LKW-Führerschein gemacht hat, bei der Firma Pöppelmann tätig. Die Kinder besuchen die Realschule bzw. das Gymnasium in Lohne und haben hier neue Freunde gefunden. „Wir sind sehr dankbar, für die Unterstützung, die wir in den vergangenen Jahren hier erfahren haben“, sagt Izdehar Mustafa. Durch die Vollzeitbeschäftigung ihres Mannes und ihren Teilzeitjob, ist die Familie nun nicht mehr auf finanzielle Unterstützung des Jobcenters angewiesen. „Nun können wir wieder etwas zurückgeben“, sagt sie. Bei einem Workshop im Januar 2018 zum Thema „Frauen und Arbeit integrieren“ im niedersächsischen Sozialministerium wurde Izdehar Mustafa als ein „Best practice“-Beispiel für die gelungene Integration von Frauen hervorgehoben.

Text und Foto: Martina Böckermann, bk Kommunikation
 


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